Lacrima hilft trauernden Kindern

Wenn Kinder Verluste erleben, gibt es die unterschiedlichsten Reaktionen. Oft kommt es vor, dass Kinder einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Der Tod muss erst begriffen werden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Umgehen müssen sie auch mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, und auch dem Bedürfnis, die Eltern zu schonen, erklärt Bernadette Sauerschell, seit über sieben Jahren Trauerbegleiterin für das Projekt Lacrima, im Gemeindezentrum der Lutherkirche. In dem gemütlichen Backsteinbau mit verschiedenen Räumen berichtet sie über die Arbeit der rund 32 ehrenamtlich Tätigen, die in ganz Oberfranken Kinder- und Jugendgruppen betreuen. Lacrima ist das lateinische Wort für Träne.

In der Lutherkirche sind es zurzeit zwölf Kinder und Jugendliche, die sich im zweiwöchigen Turnus hier treffen, um sich auszutauschen, miteinander zu reden, zu spielen, und gemeinsam zu trauern. „Für Kinder ist der Gedanke tröstlich, dass sie nicht allein sind mit ihren Ängsten und mit ihrer Trauer,“ sagt Sauerschell. Und, was ebenso wichtig ist: in der Gruppe dürfen die Kinder unter sich sein. Eltern oder Angehörige treffen sich in einem anderen Raum ebenfalls zu Gesprächen. Ein ehrenamtlich Tätiger ist auch hier mit dabei.

Die Kinder wiederum werden engmaschiger betreut. Für jeweils zwei Kinder steht ein Trauerbegleiter zur Verfügung. Die Gruppenstunden folgen einem Ritual: Am Anfang gibt es die Kerzenrunde und einen Stuhlkreis. Jedes Kind hat eine eigene Kerze in einem selbst gestalteten Glas, die es anzünden darf. Und für jeden Verstorbenen erklingt einmal der sanfte Ton einer Klangschale. Neben den Kerzen liegen immer auch Taschentücher bereit. Die Kinder müssen ihre Trauer nicht verstecken. In dem geschützten Kreis dürfen sie auch weinen und wissen Betreuer um sich.

Doch die Gruppenstunde ist keine durchgehend traurige Angelegenheit. „Kinder trauern auch anders als Erwachsene“, weiß Bernadette Sauerschell aus ihrer langjährigen Arbeit und spricht vom Pfützentrauern. Wie in eine Regenpfütze springen Kinder in die Trauer hinein, sind tieftraurig, aber springen auch gleich wieder heraus, und sind fröhlich. Dem tragen die Trauerbegleiter Rechnung. „Bei uns wird auch ganz viel gelacht“. Da wird gemalt, getobt, gesprochen und geträumt. Bei jeder passenden Gelegenheit geht es hinaus ins Freie, um sich in der Natur mit den Themen Tod und Trauer intensiv auseinanderzusetzen. Der Bereich rund um die Lutherkirche mit den Bäumen in bunten Herbstfarben ist dafür bestens geeignet. Und die Gruppentreffen stehen meist unter einem Thema. An diesem Donnerstagnachmittag ist es die chinesische Art des Totengedenkens. In China werden Laternen gebastelt und angezündet, als Symbol des Glücks. Außerdem werden Geldscheine gemalt und verbrannt. Man glaubt, dass man mit Geld den Verstorbenen ein gutes Leben im Jenseits sichern kann. Auch in Bayreuth haben die Kinder Spielgeld gemalt, um diesen Brauch nachzuahmen.    

Die Familien und die Kinder selbst entscheiden, wie lange sie der Gruppe angehören wollen. „Manche bleiben bis zu drei Jahre bei uns“, sagt Sauerschell. Wenn ein neues Kind begrüßt wird, wird in der Runde ein Wollknäuel herumgereicht und immer weiter abgewickelt, um die Zugehörigkeit zu untermauern. „Ich erlebe hier sehr viel Offenheit“, betont Sauerschell. Wenn sich ein Kind aus der Gruppe verabschiedet, dann erhält es ein Tagebuch von Bernadette Sauerschell mit Erinnerungsbildern und Texten.

Um das kostenlose Angebot der Johanniter Unfallhilfe aufrecht zu erhalten, spendeten sowohl die Knoll Kinderstiftung Oberfranken, als auch die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“ für das Projekt Lacrima. Gesucht werden auch weitere Trauerbegleiter für die Gruppen. Ab März 2027 starten neue Ausbildungen für jeweils drei Wochenenden.

Sowohl die Knoll-Kinderstiftung Oberfranken, vertreten durch Ingo Knoll (links), als auch die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“, vertreten durch Gabi Schnetter (rechts), unterstützen die Arbeit von Lacrima. Für die Unterstützung bedanken sich Bernadette Sauerschell und Andreas Kolb, Fundraising der Johanniter-Unfallhilfe.
Trauerbegleiterin Bernadette Sauerschell und Christine Fuchs bei der Vorbereitung der Kerzenrunde für die Gruppenstunde.
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