Ein Leben in Verzweiflung
Einzelschicksale, sie stehen im Mittelpunkt der Arbeit der Kurier-Stiftung „Menschen in Not“. Egal ob es um alleinerziehende Mütter, Senioren mit schmaler Rente oder kranke Menschen geht. Viele von ihnen bekommen Unterstützung. Eine ist Roswitha M. Wir haben ihren Namen geändert, weil sie noch heute Angst hat vor ihren Ex-Männern, die ihr das Leben zur Hölle machten.
Alles, was schwerer ist als eine Wasserflasche soll sie nicht mehr heben. Roswitha M. ist oft der Verzweiflung nahe. 61 Jahre alt, Rentnerin und gesundheitlich am Ende. Doch sie kämpft weiter. „Meine Tochter braucht mich doch noch.“ Ihretwegen will Roswitha M. nicht aufgeben. Bis sie ihre Tochter, die jetzt nach dem Fachabitur eine Ausbildung begonnen hat, in die Selbstständigkeit verabschieden kann. „Das Stück schaffe ich auch noch“, sagt Roswitha M. mit Tränen in den Augen, als sie zur Begrüßung die Hand reicht. Kaum zu spüren, leicht wie eine Feder.
Das Schicksal der zierlichen Frau mit den dunklen Ringen unter den Augen hört sich grausam an. 2020 erlitt sie auf der Arbeit einen Zusammenbruch. „Auf der Treppe habe ich auf einmal gemerkt, wie meine Kräfte schwinden. Ich habe meine Beine nicht mehr gespürt“, erinnert sie sich. Niemand sollte es aber merken, und so arbeitete sie irgendwie weiter und ging dann abends zum Arzt. Die Diagnose: Bandscheibenvorfall. „Vom Halswirbel bis zum Spinalkanal waren es nur noch sieben Millimeter“. Das Ende für ein Leben voller Arbeit und Enttäuschungen.
Und Roswitha M. hat immer gearbeitet. Als kleines Kind wurde sie von der Großmutter aufgezogen. Im Alter von elf Jahren kam sie zu ihr. Den leiblichen Vater kannte sie nicht, die Mutter hatte kein Interesse an ihr und der Stiefvater hat sie geschlagen. Wenn sie etwas angestellt hatte, musste sie zur Strafe auf Holzscheiten knien. Nur die Oma war gut zu ihr. „Zu ihr hatte ich eine enge Beziehung“, erinnert sich Roswitha M. Als sie starb, war das Mädchen 17 Jahre alt und von da an auf sich allein gestellt. Sie begann eine Friseurlehre, die sie aber nach einem Unfall abbrechen musste. Danach ging sie in die Hauswirtschaftsschule und ließ sich ausbilden. Ihre Kreativität und ihr handwerkliches Geschick waren ihr später, als sie als Hausmeisterin und im Winterdienst tätig war, sehr nützlich. Aber es waren immer körperlich schwere Arbeiten, die sie leistete. Schnee räumen, Möbel packen.
Das Glück war ihr nie hold. Der erste Mann, den sie heiratete und mit dem zusammen sie drei Kinder hatte, tyrannisierte sie, stellte ihr nach und trieb sie – als sie sich von ihm trennte – letztendlich in die Privatinsolvenz. „Bei ihm kam ich mir immer vor wie ein Dienstmädchen“, erinnert sie sich. Nach der Scheidung – die Kinder wurden dem Vater zugesprochen und hatten von der Zeit an keinen Kontakt mehr zur Mutter – eine neue Liebe. Zu spät bemerkt Roswitha, dass er Alkoholiker ist. Schnell trennt sie sich auch von ihm und nimmt ihr Neugeborenes, die kleine Jasmin (Name von der Redaktion geändert) mit. Trotz der Doppelbelastung durch Beruf und Säugling kämpft sich Roswitha durchs Leben. Der Vater hat das Besuchsrecht. Als Jasmin im Alter von sechs Jahren bei ihm zu Gast ist, will der alkoholisierte Vater sie baden und tauchte sie in viel zu heißes Wasser. Bis zum Hals hinauf ist die Haut zerstört. Die schweren Brandwunden werden in einer Spezialklinik mit Kunsthaut versorgt. Roswitha M. erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit, an unendlich lange Krankenhausaufenthalte, an das Händchen halten am Bett des kleinen Mädchens. „Ich habe damals fast nur noch gekämpft, wog noch 37 Kilogramm.“ Und sie ist sich noch heute sicher: „Wenn mein Kind das nicht überlebt hätte, ich hätte mich umgebracht.“
Doch das zierliche Mädchen und die Ärzte gewinnen den Kampf. Jasmin hat heute keine Erinnerungen mehr an diese Zeit. Lange war unklar, ob die Haut auch mitwächst, ob alles gutgeht. Bis heute ist das so. Jasmin muss sich zwar regelmäßig eincremen, aber sie hat keine Beeinträchtigungen. Durch den Unfall kam sie mit drei Jahren Verzögerung in die Schule, lernte aber sehr gut, bestand mit 22 Jahren das Fachabitur und macht jetzt eine Ausbildung. Roswitha M. suchte und fand auch immer Menschen, die sie und ihr Kind unterstützten. Jetzt ist es die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“.
Für ihre Tochter will Roswitha M. auch weiterkämpfen. Auch wenn sie gesundheitlich mit noch mehr Einschränkungen zu kämpfen hat. Die linke Schulter ist durch die schwere Arbeit im Winterdienst zerstört. Die Ärzte sprechen von neuralgischer Schulter-Amyotrophie, eine entzündliche Erkrankung des Armnervengeflechts. Akut einsetzende Schmerzen in Schulter und Arm sind die Folge, aber auch fehlende Kraft. Wieder stehen Roswitha M. die Tränen in den Augen. „Die erste Zeit konnte ich fast gar nichts im Haushalt machen. Keinen Topf heben, nicht mal schreiben.“ Langsam und nach intensiver Arbeit mit einer Ergotherapeutin, wird es etwas besser. „Ich bin schon ehrgeizig“, sagt Roswitha M. „Ich will doch wenigstens noch meinen Haushalt selbst machen“. Der Haushalt, den sie sich mit wenigen Mitteln liebevoll eingerichtet hat.
Weit entfernt ist sie aber von dem, was sie am liebsten macht, und auch in der neuen Wohnung in Bayreuth selbst erledigt hat: Möbel bauen, Böden verlegen, Vorhänge nähen. „Das geht alles nicht mehr“. Voll Stolz zeigt sie die Einrichtung in der kleinen Wohnung, die sie jetzt gemeinsam mit ihrer Tochter bewohnt. Die meisten Schränke und Regale sind vom Sperrmüll und von ihr aufgearbeitet und gestrichen. Die Vorhänge aus Reststoffen genäht und auch die Kissen auf dem Sofa. Die Wände hat sie dekorativ und sehr geschmackvoll gestaltet, obwohl es hinten und vorne an Geld fehlt. Nur das kleine Sofa bereitet momentan Sorgen. Wegen der Bandscheibenvorfälle kann Roswitha M. nur sitzen mit einer steilen Rückenlehne. Zurzeit behilft sie sich mit mehreren Kissen, um eine relativ schmerzfreie Sitzposition zu erreichen.
Und auch die Gitarre, die in der Wohnzimmerecke steht, hat wohl ausgedient. „Ich kann sie nicht mehr spielen.“ Aber aufgeben kommt für Roswitha M. nicht in Frage. „Ich habe schon immer sparsam gelebt, bin nie in Urlaub gefahren und habe meine Tochter 22 Jahre lang allein großgezogen. Jetzt schaffe ich das auch noch“.
Ein Schicksal, das das Herz berührt … Dass wir Roswitha M. und zahlreichen anderen Menschen in einer Notlage helfen können, verdanken wir vielen treuen Spendern. Dafür ein herzliches Dankeschön!

