Uwe Prokscha ist zurück in Bayreuth
Was unfassbar klingt für die einen, beantworten andere, die ihn gut kennen, nur mit: „So ist er. Der Uwe halt“. 20.565 Kilometer saß Uwe Prokscha im Fahrradsattel, und hat so ganz nebenbei Gutes getan: 20.869,81 Euro kamen auf seiner Benefiztour zusammen für die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“.
Nur mit der Kraft seiner beiden Beine und unglaublicher Willensstärke gelang es dem 68-jährigen ehemaligen Geschäftsführer der Bayreuther Wohnungsbaugesellschaft GEWOG, Europa an seinen Außengrenzen zu umrunden. Und dort, wo die Idee vielleicht einmal ihren Anfang nahm, in der Geschäftsstelle der GEWOG, jetzt in der Schlossgalerie, nahm die Reise dann auch ihr Ende. Begrüßt von seinem Nachfolger Jürgen Kastner und der Stiftungs-Vorsitzenden Gabi Schnetter, trafen sich viele Weggefährten Prokschas, die mit ihren Spenden geholfen hatten, dass die Fahrt so ein Erfolg wurde für bedürftige Menschen in Bayreuth und der Region, die davon profitieren. Gerne hatte Kastner zu dem Termin über den Dächern der Stadt eingeladen. „Hier wird auch die starke Unterstützung seitens vieler Unternehmer deutlich.“
Und die meisten von ihnen ließen sich das Wiedersehen mit Uwe und seinem dritten Sportpartner, dem portugiesischen Fahrrad namens Gonzalo nicht nehmen. Freuten sich auf das Gespräch mit ihm, der seit einigen Wochen wieder zurück ist in Bayreuth.
Fast zwölf Monate, fast genau ein Jahr ist es her, dass Uwe Prokscha von seiner Wohnung in Bayreuth aus aufgebrochen ist. Ein ganz normales Fahrrad wie viele andere auch, zwei gepackte Satteltaschen, Tacho, den Helm auf dem Kopf, und einen groben Plan, wie die Fahrt verlaufen soll, in der Tasche.
„Kleinigkeiten“, wie eine Augen-OP und eine Zahnbehandlung, die vorher noch stattfinden mussten, waren für Uwe Prokscha damals allenfalls ein Grund, die Fahrt um ein paar Wochen zu verschieben. Kurz vor Ostern dann der Start im Hinterhof des Hauses und die schnelle Erkenntnis, dass es mit dem Packen der Satteltaschen – „das war in ein bis zwei Stunden erledigt,“ sagt Prokscha – allein nicht getan ist.
Der erste Tag bereits zeigte dem ambitionierten, aber leidlich untrainierten Sportler Prokscha auf, was ihm in den nächsten Monaten noch an Anforderungen bevorstehen würde: jede Menge Bergstrecken, schlechtes Wetter, viele Unwägbarkeiten. Von schmerzenden Waden, fehlender Unterstützung und schwindender Motivation ganz zu schweigen. Jürgen Kastner: „Menschen, die so etwas vorhaben, bereiten sich monatelang akribisch darauf vor. Du fährst einfach los. Jeder hätte Verständnis gehabt, wenn du nach wenigen Tagen wieder in Bayreuth gewesen wärst“.
Nicht so Uwe Prokscha. Er beißt sich durch, lässt sich nicht entmutigen. An Tag drei hat er bereits die ersten 335 Kilometer zurückgelegt. Endlich darf auch die Öffentlichkeit von seinem Herzensprojekt erfahren. Vorher hatte Prokscha nur die Familie informiert. Und endlich scheint auch die Sonne. Im polnischen Luban dann ein Erlebnis, das er auch bei seiner Rückkehr gerne erzählt. Auf der Suche nach dem Quartier – das Navi hatte ihn fehlgeleitet – unterhält er sich mit einem Ehepaar. Sie zeigen ihm Alternativen auf und die Frau sagt einfach: „Wenn es nicht klappt, kommst du heute Abend zu uns.“ Uwe Prokscha ist sprachlos: „Wildfremde Leute, die einem ihnen völlig unbekannten Radler einfach so ein Nachtquartier anbieten“.
Weiter geht es nach Breslau und Lodz. So langsam überwiegt die Begeisterung für sein Projekt. „Es ist schon eine tolle Sache, tun und lassen zu können, was man will. Und das in dieser Jahreszeit, in der auch das Leben wieder richtig losgeht“, schreibt Uwe Prokscha in seinem Reisetagebuch, Folge 8. Doch in Litauen wird es kalt. Immer wieder Boxenstopps, Tee oder Kaffee trinken, aufwärmen. „Die letzten vier Tage waren echt hart, man macht seinen Job,“ schreibt er. In Riga sind es dann fast 2.000 Kilometer. Und es regnet immer noch. Tallin, die „Perle an der Ostsee“ begeistert den Radler und mit der Fähre geht es weiter nach Helsinki, „die finnischen Wälder und Seen rufen“.
Sand- und oft auch Schotterpisten geleiten ihn nach Jyväskylä. „Hütte am See mit Sauna. Schon cool, nackt mit Bier auf den See zu schauen“. Die Gastfreundschaft, die er hier bei Sami und Maja erfährt, macht ihn fast verlegen. „Ich muss Sami nötigen, dass ich wenigstens ihren Kindern was schenken darf. Eine große Geste von zwei tollen Personen.“ Danach rollt es. „Keine 1.000 Kilometer mehr bis zum Nordkap“. Doch im Land der tausend Seen regnet es. Wieder. „Tagesziel ohne Bus nicht erreichbar“. Dennoch genießt er die schier unendlichen Wälder und glitzernden Seen. Rentiere an und auf den Straßen in Lappland. Einsamkeit und Stille. An Fjorden vorbei und durch die ersten Tunnel nach Norwegen. Durch den 6,6 Kilometer langen Nordkapp-Tunnel, die letzten zwei Kilometer schieben. „Dringend Pause“, steht im Reisetagebuch.
Noch 22 Kilometer bis zum Nordkap. Windböen bis 70 Stundenkilometer empfangen ihn. Die Leitplanke fängt gerade noch sein Fahrrad auf. Endlose, schneebedeckte Bergketten. Sein einziger Wunsch: „Ab in den Süden“. Doch davor liegen noch schier endlose Kilometer, Schneefall und winterliche Temperaturen. In Narvik bremst eine Erkältung die Weiterreise zunächst aus. Ein Ruhe- und Genesungstag tun gut. Und die Weiterreise zunächst mit dem Bus, auch um die 16 folgenden Tunnel zu umgehen bis Glomfjord. „Für Radler viele Tunnel, Verbote und Umwege“. Tolle Radwege aber von Hammervik bis Trondheim. Alesund und Stavanger im dichten Nebel. Uwe Prokscha konstatiert: „Muss feststellen, dass meine Streckenplanung nicht fürs Radeln geeignet ist, sondern eher fürs Auto“. Im Blindflug weiter nach Esbjerg, Dänemark. Das Hanause vom Fahrradsattel
Dann macht Uwe Prokscha Pause nach mehr als hundert Tagen fast nur im Sattel. Und auch um seine Familie zu treffen, die an der Ostsee urlaubte. Abschied vom Fahrradsattel und hinter dem Lenkrad eines Leihwagens Richtung Husum. Pause. Urlaub.
Doch die Auszeit hält er nicht lange aus. In Caen schwingt sich Uwe Prokscha wieder aufs Rad. Weiter nach St. Malo, Morlaix und Brest. Drei knackige Tourtage folgen, die Schaltung des Fahrrades geht kaputt. Mit nur zwei Gängen und patschnass kommt er in Quimper an. In La Rochelles dann endlich ein Fahrradladen. „David, mein Held“. Der Mechaniker wechselt die Schaltung „und ich fliege“. Doch das Glück ist ihm nicht lange hold. In Bordeaux wird ihm sein abgeschlossenes Fahrrad gestohlen. Paulette wird seine neue Begleiterin. „Nicht mehr ganz neu, aber sie passt zu mir“. Den Namen – das erste Mal, dass Uwe Prokscha einem Fahrrad einen Namen gibt – hat sie vom Fahrradgeschäft, in dem sie gekauft wurde. Bald ist Spanien als zwölftes Land der Europatour erreicht. „Traumradeln bis Capbreton“. Paulette kriegt einen neuen Tacho. Und Uwe kriegt Besuch aus der Heimat. Peter und Antje Glenk radeln ein Stück weit mit bis nach Bilbao. „Urlaub mit Glenks, des brengt’s“, kalauern sie.
Richtig Respekt habe er vor Prokschas Leistung, resümiert auch Peter Glenk im Rückblick. Er habe bei seinem Besuch kaum mithalten können. „Der Uwe fährt wie ein Tier“.
Weiter geht es am Atlantik entlang bis Ribadeo. Ein besonderer Tag: Start war am 16. April 2025. „Zwölf Länder und die zehn erreicht. Urlaub eben und eine andere Art von Freiheit“, schreibt Uwe im Tagebuch Nummer 84 zu seiner Halbzeit. Und auch in Porto gibt es Besuch. „Mein Freund Jochen begleitet mich. Zwei richtig geile Tage in einer tollen Stadt“. Und dann gleich der nächste Schreck: Paulette ist verschwunden. „8.000 Kilometer keine Panne und dann wird zweimal in fünf Wochen dein Rad gestohlen“. Glücklicherweise findet sich ein Radgeschäft und dort wird „Goncalo“ für den Rest der Tour fitgemacht. Weiter nach Nazare, Peniche und dann Lissabon. Auf der Fahrt zur Burg von Sines wird Uwe Prokscha von einem Auto angefahren. Glücklicherweise ging alles mit Schürfwunden und Prellungen ab. Wieder Regen und Sturmböen in Fuseta. Sieben Monate on tour und 13 Länder erreicht. Großartig!
In Sevilla, einer der schönsten Metropolen der Welt, gönnt sich Uwe drei Tage Pause. Durch die Einsamkeit rollt er weiter nach Tarifa mit Blick hinüber auf den afrikanischen Kontinent, nach Tanger. Ein Platten am Fahrradreifen beendet die Idylle abrupt, doch er erreicht noch rechtzeitig Marbella. Dann Malaga, Almeria. Von Valencia nach Barcelona mit dem Auto, um Sohn Mike rechtzeitig anzutreffen. Bald wird es Weihnachten. „Seit nun acht Monaten bin ich auf Tour und durfte viel Schönes erleben, aber auch die Realität“, schreibt er. „Ungewollt auf der Straße leben und alt werden, ist nichts für Weicheier“, lautet sein Fazit und erinnert ihn an seine Zielsetzung: möglichst viel Spendengeld sammeln für die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“.
Ziemlich ungemütlich geht es weiter. Arles, Marseilles. Dort verbringt Prokscha die Weihnachtsfeiertage. Cassis, Toulon, immer an der Cote d‘Azur entlang. Silvester verbringt er in Nizza, dann ist er in Genua, – „fantastisches Gewirr aus engen, dunklen Gassen“.
Neun Monate, 15 Länder und das letzte Viertel der Tour beginnt. La Spezia, die Bayreuther Partnerstadt, verdient einen Abstecher, weiter durch Ligurien, nach Pisa und Neapel. Herkulaneum, die vom Vesuv zerstörte Stadt, wird besucht, und dann in Salerno, die erste Begegnung mit seinen künftigen Angstgegnern, wilden Hunden, die oft gleich rudelweise auftreten und sich kaum vertreiben lassen. „Ich sammle Steine, es kommt aber zu keiner Attacke. Das Problem ist trotzdem ungelöst“, schreibt Prokscha. Über San Gregorio da Sassola nach Potenza und Bari, Überfahrt mit der Fähre nach Patras in Griechenland. Athen wird besucht, und wieder kommt es zu Hundeattacken. Pause in Larisa Katerini und weiter nach Saloniki. „Die Stadt ist nachts nicer, also bleibe ich.“ Es schüttet wie aus Eimern.
Beim Grenzübertritt in die Türkei gibt es eine richtige Passkontrolle. „Bewaffnetes Personal am Grenzübergang. Hunde überqueren kläffend die vierspurige Straße und folgen mir.“ Und dann kommt Tekirdag, die nächste Bayreuther Partnerstadt. „Ich bin geflasht von soviel Gastfreundschaft“, schreibt er. Abendliches Fastenbrechen im Ramadan erlebt er mit vielen Menschen an festlich gedeckten Tischen. Und dann Istanbul, „die aufregendste Stadt, in der ich bisher war.“ Weiter führt die Tour bis ans Schwarze Meer. „Mit dem Rad auf dem Highway, stört keinen“. Grenzübertritt nach Bulgarien, und sofort kommt die erste Hundeattacke. „Es ist wie Spießrutenlaufen in der dünn besiedelten Landschaft.“
Und dann entscheidet sich Uwe Prokscha, kein unnötiges Risiko einzugehen. „Ich folge dem Verstand.“ Die Strecke Varna – Wien und dann gleich weiter nach Linz legt er mit dem Bus zurück. 48 Stunden. Mit dem Zug geht es dann nach Passau und wieder auf dem Rad nach Deggendorf, Regensburg und Amberg. „Nach über elf Monaten freiwillig auf der Straße habe ich festgestellt, wie gut und komfortabel es mir und den meisten von uns doch geht,“ sagt Uwe Prokscha. „Die Heimfahrt ging jetzt schneller als geplant, aber es war die richtige Entscheidung,“ meint er, als er im „Leon’s“, dem ehemaligen Braunbierhaus, das der GEWOG gehört, sein erstes Radler auf Bayreuther Boden trinkt. Wieder daheim angekommen. Wie es sich anfühlt? Gut, meint Uwe Prokscha. Der Magnet, nach Hause zurückzukehren, sei zuletzt doch sehr stark gewesen. Nicht zuletzt, weil er sich nicht nur einen Herzenswunsch erfüllt hat, sondern auch über 20.000 Euro für die Kurier-Stiftung „Menschen in Not“ gesammelt hat. Mit Weggefährten und Freunden, die ihn und seinen „Goncalo“ hochleben lassen.
In der Rubrik „Spenden“ können Sie alles nachlesen, was „Uwe on Tour“ erlebt hat

