Hilfe für Menschen mit Demenz und deren Angehörige

Seit 20 Jahren gibt es die Alzheimer Gesellschaft Bayreuth-Kulmbach. Gefeiert wurde das mit einem nachdenklich machenden Abend, an dem so mancher eine Träne verdrückte.

Demenz und Alzheimer, ein gerne verdrängtes Thema. Der Kampf um die Anerkennung der Krankheit war lang, erinnert Vorsitzende Karin Orbes in ihrem Rückblick. 2008 kam sie zur Alzheimer-Gesellschaft. „Damals wurden oft nur körperliche Beschwerden als Krankheit anerkannt“.  Erst mit dem Kinofilm „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden im Jahr 2014 änderte sich manches. 2016 wurde Karin Orbes zur Vorsitzenden gewählt und auch sie krempelte einiges um. Es wurde ein neues Leitbild entwickelt, Aktivgruppen gebildet und Angehörigentreffs eingerichtet. „Die gerechte Teilhabe an Natur und Leben für alle war und ist uns wichtig“, betont Orbes.

Den 5. Oktober 2020 bezeichnet sie deshalb als einen „wichtigen Punkt in der Geschichte unserer Alzheimer-Gesellschaft.“ Damals wurde die erste Betreuungs-Rikscha vorgestellt. Gekauft von der Kurier-Stiftung „Menschen in Not“ und dem Betriebsrat des Kuriers. Orbes erinnert sich. In einer Stadt voller Kopfsteinpflaster war es auf einmal möglich, sogar in die Stadtkirche oder in Geschäfte hineinzufahren. Und im Gegensatz zum Gefahrenwerden im Rollstuhl würde Menschen in der Rikscha Wertschätzung entgegengebracht, man zeige ihnen ein Lächeln, wenn sie in der leuchtend-orangen Rikscha und von einem dahinter sitzenden Fahrer chauffiert werden.

Um möglichst viele Helfer zu haben, die behinderte und kranke Menschen mit dieser Rikscha fahren zu können, habe man den Rikscha-Führerschein entwickelt, sagt Orbes. Und so nach und nach habe sich ein Netzwerk herausgebildet, das durch die Anschaffung der zweiten Rikscha, des Fun-2-go-Rades, das in der Gemeinde Heinersreuth stationiert ist, erweitert wurde. Weitere Rikschas etwa in der Hausgemeinschaft der Arbeiterwohlfahrt oder im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) seien hinzugekommen.

Wie auch Rikscha-Fahrer Stefan Keßler betont, sei Bayreuth nicht gerade fahrradfreundlich. Gehsteige seien oft nicht abgesenkt. Dennoch habe man in vielen Fällen besondere Fahrten mit Patienten ermöglichen können, etwa auf den Stadtfriedhof, hinauf zum Festspielhaus oder auch zur Synagoge. Etwas ganz Besonderes sei, dass mit der Rikscha auf bestimmten Wegen durch den Botanischen Garten gefahren werden dürfe. „Eine kleine Weltreise durch Landschaften verschiedener Kontinente“. Und das, obwohl im Botanischen Garten eigentlich Fahrradverbot herrscht. Eine weitere Neuerung sei der Schutzbügel, den man für die Rikscha entwickelt habe, um Alzheimer-Patienten ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. „Er wird jetzt in Serie produziert“, sagt Orbes.

Gemeinsam mit der Sängerin und Pianistin Lucie Cerveny obliegt es Stefan Keßler, durch den Abend in der Klima-Lounge zu führen. Die Auseinandersetzung mit einer Krankheit, mit der sich viele Menschen befassen müssen, sei es im persönlichen Umfeld oder im Freundeskreis, wurde bereits bei den Begrüßungsreden der Ehrengäste und dem Lied „Alle Frauen in mir sind müde“, gespielt und gesungen von Lucie Cerveny, deutlich. Zweiter Bürgermeister Stefan Schuh erinnert sich – sichtlich angefasst – an seinen Großvater, der an Alzheimer erkrankt war und nach einem Kuraufenthalt zurückkehrte in das inzwischen renovierte Wohnzimmer. Der Opa sei nur noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, heimzugehen. Das Wohnzimmer hatte er nicht mehr als sein Zuhause betrachten können. Denn Alzheimer-Patienten brauchen ihr vertrautes und gewohntes Umfeld. Eine Tatsache, von der man zu dieser Zeit noch nichts wusste. Auch das zeige, wie wichtig ein Netzwerk sei, um den Angehörigen zu helfen, sie zu unterstützen, aufzuklären, betont Keßler. Sabine Steinlein sieht sich als Stadträtin gefordert, die Stadt altersgerecht weiterzuentwickeln. Auch wenn sie selbst manch ernüchternde Erfahrungen gemacht habe: „Es hat sich in der Zwischenzeit viel getan in Bayreuth. Da ist viel entstanden“. Ihr Fazit: „Auch das Leben mit dementen Angehörigen kann gut und bereichernd sein.“ Das betont auch Sonja Womser vom Alzheimer-Landesverband Bayern.

Mit dem Theaterstück „Das Ich verreist“ vom Theater Das Baumann in Kulmbach wird den wenigen Gästen an diesem Abend das ganze Ausmaß der Krankheit erschreckend deutlich und mit nur wenigen Requisiten vor Augen geführt. Ein Abend, nach dem man nachdenklich geworden nach Hause geht. 

Hier finden Sie den Beitrag zur Anschaffung der Rikscha.

Lesen Sie hier den Bericht zur Heinersreuther Rikscha.

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